Lebendige Stille
Hände, die verstehen

1987 erschien bei uns ein erster Beitrag über Craniosacral-Therapie. Damals titelten wir «5 Gramm Druck maximal». Diese Körperarbeit ist unterdessen noch feiner geworden: Fliessen und geschehen lassen statt Manipulation.

Vor rund 16 Jahren legte mir ein Craniosacral-Therapeut zum ersten Mal seine Hände auf den Kopf. Seither haben unzählige Hände meine «Tides», die gezeitenartigen Flüssigkeitbewegungen in meinem Körper, gespiegelt. Waren es viele Hände? Oder waren es immer die eine Hand? Unterdessen bin ich selber zur Craniosacral-Therapeutin geworden und habe meine Hände unzählige Male an den Körper eines Menschen gelegt, um in den subtilsten Bewegungen die leise Körpersprache wahrzunehmen. Waren es meine Hände? Oder war es immer die eine mitfühlende Hand?

«Sei still und nimm wahr!», rät Rollin E. Becker. An einer anderen Stelle in seinem Buch «The Stillness of Life» sagt dieser Osteopath und Schüler des Begründers dieser Methode, William Donald Sutherland: «Finde den Kontakt zum Schöpfer und überlass es ihm! Das ist das Einzige, was du in der Gegenwart des Klienten tun kannst. Dein Schöpfer wird es zusammen mit dem Schöpfer deines Klienten schon richten. Du selbst kannst den Genesungsplan nicht wissen. Du weisst gar nichts.» Da ist etwas Grösseres am Werk.

Ich sitze am Behandlungstisch und übergebe mich der Schwerkraft, die meinen Kontakt zu Boden und Sitzfläche konkret werden lässt. Ich richte die Aufmerksamkeit auf den Lebensatem in mir, die Flüssigkeitsbewegungen, welche ich jetzt gerade in meinem Körper wahrnehme. Ganz wach und still bin ich bei mir und bitte darum, ich möge mit dem, was geschehen soll, nicht in den Weg stellen. In einer empfangenden Haltung bin ich einfach da. Die Hände berühren den Körper des Klienten, leicht wie Korken auf Wasser schwimmend, bereit ein Stück nonverbale Geschichte zu hören, bereit sich hinzugeben an die Reise ins Unbekannte - gegenwärtig, nicht wissend, offen, absichtslos. Der Kontakt ist und bleibt ohne Absicht, den Moment, die richtige Nähe und Distanz respektierend.

Die Grenze ist subtil: Durch Kontakt wurden wir verletzt, nur im Kontakt können wir genesen. Den richtigen Kontakt finden, immer wieder, ist ausschlaggebend. Wenn wir die Seifenblase zu harsch anfassen, zerplatzt sie, berühren wir sie nicht, fliegt sie davon. Franklyn Sills, Mitbegründer und Leiter des Karuna Institut (GB) und Lehrer des biodynamischen Modells in der Craniosacral-Therapie, nennt diese Präsenz, die wir anderen und uns selber in jedem Augenblick entgegenbringen, das Herzstück der craniosacralen Arbeit. Er fordert immer wieder auf: «Werde still und vertraue. Folge dem Prozess, vertraue dem Prozess. Der Bahandlungsplan ist inhärent. Vertraue den Gezeiten!».

Grüner Wildbach - klar der Quelle Wasser.
Kalter Berg - weiss des Mondes Hof.
Schweigende Erkenntnis, der Geist von selbst
erleuchtet,
Die Leere schauen geht Wahn in Stille über.

Hanshan: Gedichte vom Kalten Berg

Ich sitze, die Füsse meines Klienten in meinen Händen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir so sitzen. Meine Wachheit reicht zum Horizont und weiter noch. Ich staune, was sich heute in diesem Feld entfaltet. Wellenartige Bewegungen und anatomische Strukturen kommen mit einer Genauigkeit wie aus dem Anatomiebuch skizziert in meine Hand. Am eigenen Körper nehme ich Spannung und Entspannung im Nervensystem meines Klienten wahr, während ich den Körper, der vor mir liegt, beobachte. Feinste Bewegungen und Tonusveränderungen veranlassen mich, beim Klienten rückzufragen und ein Stück weit mit ihm in den verbalen Kontakt zu treten. Gemeinsam gehen wir durch Turbulenzen in Gewebe, Flüssigkeiten und im Nervensystem. Wir gehen immer am Rand des Zyklons, Schritt für Schritt, behutsam, langsam, im Kontakt mit unseren Ressourcen, nähern wir uns der Stille. Da, im Auge des Zyklons, ist es ganz still. Die Nabe, um die sich das Rad des Leidens dreht, steht still. Wir verharren in dieser Stille. Wir wissen nicht.

Das Feld wird aktiv: Meine Nachbarin stellt die Musik lauter, ein Sonnenstrahl zeigt sich, ein Hund bellt. Eine Seele meldet ihre Präsenz im Raum. Mein Blick fällt auf den verwirbelten Rauch über der Schale für Räucherwerk auf dem buddhistischen Altar. Ich halte den Kontakt mit dem Klienten, mit seinen Körperstrukturen, die sich jetzt in den Vordergrund schieben, und gleichzeitig bin ich mit weiter Wahrnehmung da und «scanne» das Feld. Schwanger, als ob der ganze Raum mit allem, was da ist, in meinem Bauch Platz nähme, bleibe ich im Unwissen, im Nichttun, im Vertrauen.

Es ist eine fortwährende Auseinandersetzung und ein innerer Kampf, um dorthin zu kommen, wo wir uns selbst, dem Universum und dem inhärenten Prozess vertrauen können. Es ist ein Kampf mit der Intimität, mit der Intimität des Schmerzes und des Beziehungsfeldes», sagt Franklyn Sills. Dessen Partnerin Maura Sills, Mitleiterin des Karuna Institut (GB) und Begründerin der buddhistisch orientierten Core Process Psychotherapy, beschreibt diesen Ort als «Gelände des Unbehagens, als Moment, wo das, was war, nicht mehr ist, und das, was kommen wird, noch nicht ist». Auf diesem Gelände werde «gekocht», sagt sie. «Du bist es, der das Feld erschafft, du lädst die Erfahrung ein und nicht umgekehrt», beschreibt sie die Rolle des Therapeuten.

Ich bin gefordert, anwesend zu sein. Ich bin gefordert, offen zu sein. Ich bin gefordert, unvoreingenommen zu sein, um alles, was da kommen will, in den Raum, in mein Schwangersein einzuladen. Ich höre. Die Sprache im Raum und die Körpersprache des Klienten ist präzis. Sie liefert den Schlüssel zum Leid, und die Geschichte entfaltet sich.

Ein feuriger, fahriger Schmerz im Körper des Klienten macht plötzlich Sinn, wenn sich seine Beine in meinen Händen zu erstarrten Kinderbeinen wandeln und ich ihn, den Blick noch immer beim Räucherwerk, frage: «Welche Rolle spielt Feuer in ihrem Leben?» Die Frage, der Geruch, der Gang nach Hause an der Hand des Lehrers, die Grossmutter brennend wie eine Fackel, im Frühling, erstickend die Atmosphäre und die Beine voller Blei. An Wegrennen ist nicht zu denken. Hinschauen ist überwältigend. Das Kind ist zu klein, das Schreckliche zu gross. Und doch opfert sich das Kind für das Unfassbare. Es will den Verlust nicht fühlen und übernimmt stattdessen die Verantwortung für den Tod seiner Grossmutter.

Zu gross wird das Kind, zu gross die Last, und immer wieder im Frühling stellt sich beim erwachsenen Mann dieses bleierne Lebensgefühl ein und Schmerz, den kein Arzt zu diagnostizieren versteht. Hier kann ich wahrlich nicht ahnen, nicht wissen. Zu präzis ist diese nonverbale Sprache, die Reise durch das Unbekannte. Da ist auch etwas anderes am Werk. In der Stille, im Raum zwischen den Dingen, nicht in der Bewegung, nicht als Folge von Intention kann Heilung geschehen. Heilung ist ein Feldphänomen, nicht das Resultat von Handlungen.

Die Präsenz, die Achtsamkeit auf das Jetzt, enthält das ganze Potenzial von Raum und Zeit. Im Kontakt mit dem Lebensatem, der sich in den Gezeiten aller Flüssigkeiten manifestiert, surfen wir von Ewigkeit zu Ewigkeit, vom ersten Moment des Werdens bis zu diesem Augenblick. Im Gegenwärtigsein, im Jetzt, sind wir ewig werdende. Im Jetzt sind alle Augenblicke enthalten, und wir
können jederzeit mit jedem Moment auf der Zeitachse sowie mit der schöpfenden und formenden Kraft, mit der Bewegung, die Raum organisiert und die damals am Werk war, in Kontakt treten. Das gilt auch für unseren Körper: In unserem augenblicklichen Körper, in jeder einzelnen Zelle sind Formkraft und Werden gehalten und ausgedrückt in den Bewegungen von Flüssigkeiten und Gewebe sowie der darunter liegenden Potenz. Hören wir hin, erzählt uns der Körper seine Geschichte von der Empfängnis bis zur Geburt, von der Geburt bis heute. «Finde den Kontakt mit dem Embryo in deinem Klienten!», fordert Michael Shea, Co-Leiter der Internationalen Schule für Biodynamische Craniosacral-Therapie (ISBC-Kiental), seine Schülerinnen auf. «Wenn du den Embryo findest, findest du Liebe und Freude. Liebe und Freude werden sich in den Flüssigkeiten zum Ausdruck bringen. Lass dich davon berühren!» Dieser Ausdruck in den Flüssigkeiten ist nichts anderes als die inhärente Intelligenz, die uns jederzeit in Beziehung treten lässt mit unserem ursprünglichen Plan, mit dem Heil- und Ganzsein: Wir treten ein in das Bewusstsein der Verbundenheit und des Nicht-Getrenntseins vom Ursprung.

Wenn wir die Heilpraxis von Naturvölkern studieren, verstehen wir schnell, dass deren Heiler wissen, dass man ein menschliches Wesen nicht «flicken» kann. Was aber tun sie? Sie führen den Menschen in Ritualen zurück bis zu dessen Empfängnis. Die meisten indigenen Rituale dienen diesem Zweck. In manchen Kulturen wird der Mensch sogar mit der Entstehung des Universums in Kontakt gebracht, weil dies die Ebene ist, auf der Heilung stattfinden soll.«Wir tun dies, indem wir den Embryo studieren. Du begleitest den Klienten symbolisch bis zu seiner Empfängnis zurück, damit er wieder eintritt in die richtige Beziehung mit den ordnenden Lebenskräften, die wir in der Craniosacral-Therapie Mittellinie nenne. Andere Kulturen sagen, du musst die richtige Beziehung haben mit dem "Spirit" oder mit der Natur.» Michael Shea sagt damit nichts anderes, als dass wir in jedem gegenwärtigen Augenblick die Chance haben zu werden, wer wir sind - körperlich, emotional und spirituell.

So sitzen wir lange still mit dem Schmerz der Erinnerungen. Wir bitten darum, das Kind möge frei werden von der Schuld, in der es sich mehr dem Tod als dem Leben zugewendet hat. Das Kind möge wieder Kind werden. Das Kind möge seinen Weg gehen dürfen. Das Kind stellt sich vor es gehe den ersten Schritt, und langsam treten wir aus der Stille in einen neuen Raum. Kräftig flutet die Welle in den Flüssigkeiten durch die Beine, durch den ganzen Körper meine Klienten - Ausdruck einer neuen Dynamik, Ausdruck zurückgewonnener Kraft. Die Bewegung ist im Raum, sie ist in mir, sie ist überall und breitet sich aus: Teil, das sich zum Ganzen fügt. Ich bin von Dankbarkeit erfüllt. Was für ein Privileg, an solchen Prozessen teilzuhaben!

Annalis Prendina

Annalis Prendina ist eine Craniosacral-Therapeutin, Meditationslehrerin und ein Klageweib mit eigener Praxis in Zürich. Nach Jahren der ausschliesslichen therapeutischen Arbeit und Weiterbildung meldet sie sich mit diesem Artikel im Journalismus zurück.

Weitere Infos:
Internationale Schule für biodynamische Craniosacral-Therapie,
3723 Kiental, Telefon 033/676 2676
www.kientalerhof.ch

Schule für Craniosacrale Osteopathie
Rudolf Merkel, Telefon 052/366 2724
www.cranioschule.ch

aus Spuren Sommer 2002


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