Schleudertrauma - Das unterschätzte Risiko

Im schwarzen Loch
Dr. Vital Hauser war ein brillanter Arzt, der wohl gefragteste Spezialist für Schleudertrauma im Land und ein Mann, dem alles im Leben gelang. Bis ihn ein Auto von hinten anfuhr.

Am späten Vormittag des 1. September 2000 fährt der Neurologe Dr. med. Vital Hauser in seinem grünen Occasions-Peugeot 306 auf dem Flüelapass Richtung Engadin. Es ist ein Freitag, der Himmel ziemlich bedeckt, aber die Strasse ist trocken. Dr. Hauser will nach Ardez, er interessiert sich für den Kauf eines Ferienhauses. Plötzlich steht eine Kuhherde vor ihm, doch er findet eine Lücke, während der Wagen hinter ihm, ein roter VW Passat, in der Herde stecken bleibt.«Jetzt hab ich ihn endlich abgehängt», freut sich Dr. Hauser, denn der Wagen sei schon seit einigen Kilometern unangenehm an seinem Heck geklebt, wie er im Rückblick erzählt.
Nach ein paar Kurven die nächsten Kühe. Wieder muss Dr. Hauser anhalten. Auf der linken Spur kommen ihm schwere Motorräder entgegen. Dann bemerkt er in seinem Rückspiegel den VW Passat. Dass er von Dutzenden seiner Patienten und selbst aus eigener Erfahrung weiss, was jetzt kommt, dass er darüber auch mehr weiss als die meisten anderen Mediziner im Land, das nützt ihm alles gar nichts. Es geht zu schnell. Dr. Hauser hat gerade noch Zeit, seine Arme gegen das Steuerrad und den Kopf gegen die Nackenstütze zu pressen, weil er glaubt, das werde seine Nackenmuskulatur schonen. Dann rammt ihn der VW von hinten.
Das ist der Augenblick, der das Leben des Vital Hauser verändern wird. Radikal, unabänderlich, für immer.

Dreimal hat er Glück gehabt
Zunächst aber murmelt Dr. Hauser nur: «Warum schon wieder ich?» Tatsächlich ist es das vierte Mal in seinem Leben, dass ihn jemand mit dem Auto von hinten anfuhr. Zuerst 1977, da war er 22-jährig, dann 1979 und das dritte Mal 20 Jahre später, im Mai 1999, als er in einem Fiat vor einem Rotlicht wartete. Dreimal hatte er grosses Glück, 1977 und 1979 musste er nicht einmal zum Arzt, einzig 1999 surrten ihm ein paar Tage lang der Nacken und ein Ohr, die üblichen Schleudertrauma-Symptome, nichts Beunruhigendes für den Fachmann Dr. Hauser.
Dr. Hauser steht auf der Flüelastrasse, leicht benommen, mit ziemlichen Nackenschmerzen und einem starken Rauschen im rechten Ohr. Der andere Fahrer, ein 24-jähriger Mann, der, anstatt zu bremsen, den Töfffahrern auf der Gegenseite zugeschaut hatte, sagt als Erstes: «Keine Angst, ich habe eine gute Versicherung.»
Dr. Hauser kennt diese Versicherung und hat eine durchaus gute Meinung über sie. Zufällig ist er exakt ihr Mann für solche Fälle: Dr. Hauser ist beratender Arzt der besagten Versicherung, ihr medizinischer Sachverständiger für Schleudertraumata. Wäre nicht er selbst der Angefahrene, könnte der Unfall auf dem Flüela sehr wohl in seiner Praxis zur Begutachtung landen.
Die beiden Fahrer tauschen ihre Personalien aus und steuern, jeder in seinem Wagen, zur nächsten Autogarage nach Schuls. Dr. Hausers Peugeot ist noch fahrbar, aber sein Garagist wird später eine Stauchung des Chassis feststellen und allein den Blechschaden auf knappe 7000 Franken veranschlagen. Delta v, die Geschwindigkeitsveränderung, muss mindestens 15 km/h gewesen sein, notiert sich Dr. Hauser. Das Tempo des VW Passat schätzt er auf 35 Stundenkilometer. Zum Zeitpunkt des Aufpralls muss er ziemlich verspannt im Auto gesessen sein, und vor allem hatte er in den Rückspiegel geschaut, den Kopf also schräg gehalten, was – wie Dr. Hauser aus seiner Praxis weiss – ein Schleudertrauma meistens verschlimmert.
In den nächsten Tagen und Wochen lässt er sich dreimal von ihm bekannten Fachkollegen untersuchen. Der Radiologe diagnostiziert eine frische Diskushernie zwischen dem 6. und 7. Halswirbel, der Ohrenspezialist einen starken Tinnitus, also ein penetrantes Pfeifen im Ohr.
Trotz hartnäckiger Nacken- und Kopfschmerzen arbeitet Dr. Hauser weiter. Zu jenem Zeitpunkt ist er 45 Jahre alt und betreibt seit 1998 eine neurologische Praxis in Aarau.
Gleichzeitig ist er stellvertretender Chefarzt der 160-Betten-Klinik im sankt-gallischen Valens, wo vorwiegend schwer hirngeschädigte Patienten therapiert werden.
Dr. Hauser beschäftigt sich mit Parkinson- und MS-Patienten, mit Epileptikern und mit eingeklemmten Nerven; vor allem aber ist er ein Spezialist für Schleudertraumata. Vermutlich macht kein anderer der 230 Neurologen in der Schweiz mehr Gutachten über Schleudertraumata der Halswirbelsäule als Dr. Hauser – etwa 80 pro Jahr.
Im September und im November 2000 sucht Dr. Hauser auch einen ihm bekannten Rheumatologen in Bern auf, um allfällige Muskelverletzungen abklären zu lassen. Doch weil er die verheerenden Folgen von falschen chiropraktischen Manipulationen an der Halswirbelsäule weiss Gott kennt – zum Beispiel aus Valens -, darf der Rheumatologe Dr. Hausers Kopf nicht selber bewegen.
Anfang Dezember 2000 unterbricht Dr. Hauser die bislang erfolglose Physiotherapie, am 3. Januar 2001, einem Mittwoch, bespricht er mit seiner Therapeutin in Aarau, wie es nun weitergehen solle. Vier Monate und zwei Tage sind seit dem Unfall auf dem Flüela vergangen. Gegen Ende des Gesprächs wird ihm plötzlich schwindlig, alles dreht sich um ihn, er kann sich gerade noch auf die Patientencouch fallen lassen. Das Letzte, was er spürt, bevor es schwarz um ihn wird, ist eine rasender Schmerz im Hinterkopf.

«Mein Leben ist zu Ende»
Als er zwei Tage und zwei Stunden später auf der Intensivstation des Kantonsspitals Aarau aus dem Koma erwacht, kann er knapp seine linke Hand und die linken Zehen bewegen. Alles andere ist gelähmt. Auch sprechen kann er nicht. Am Bettrand erkennt er seine schwangere Lebenspartnerin Rebecca und seinen damals vierjährigen Sohn Manuel. Ob Vital Hauser überlebt, ist zu jenem Zeitpunkt unsicher. Er könnte erblinden.
Der behandelnde Neurologe ist einer alter Kollege von Dr. Hauser, sie waren gemeinsam Oberärzte im Kantonsspital Aarau. Jetzt erklärt er dem Kollegen Vital, was mit ihm passiert ist. Er spricht von der Dissektion des Vertebralis auf Höhe C6/C7, vom hirnnah flottierenden Thrombus, den er mittels Katheder aufgelöst hat, und vom Verschluss der Arteria basilaris und der Arteriae cerebellaris superiores. Dr. Hauser begreift jedes Wort. Er merkt rasch, dass er intellektuell unversehrt ist. Aber nur ein Satz bleibt wirklich in seinem Kopf hängen: «Mein Leben ist zu Ende.»
Später wird er seinen Hirninfarkt den Nichtmedizinern unter seinen Freunden so erklären: Der Auffahrunfall muss – höchstwahrscheinlich - einen Schlag auf die Stelle zwischen dem 6. und 7. Halswirbel bewirkt haben, was eine Blutung in der Wand der hinteren Halswirbelpartie zur Folge hatte. Dies wiederum bewirkte ein Blutgerinnsel, das drei weitere Blutgefässe verstopfte und schliesslich drei kleine Teile seines Gehirns zerstörte.
Vor seinem Hirninfarkt war Vital Hauser ein Mensch, dem so ziemlich alles gelungen war in seinem Leben. Er stammt aus eine Medizinerfamilie, sein Grossvater war Allgemeinpraktiker, sein Vater Frauenarzt im Kanton Glarus und eine Persönlichkeit, gegen deren Dominanz der Sohn «höchstens mit Intelligenz anzukommen» glaubte. Vital Hauser galt im ganzen Glarnerland als Wunderkind. Er übersprang – als Einziger je – eine Klasse in der Kantonsschule und bestand die Matura gleichwohl mit Maximalnoten. Die Lehrer konnten ihm kaum Paroli bieten, erst recht nicht seine Mitschüler. «Er war der schnellste Denker, den wir je kannten», erinnern sich viele aus seiner damaligen Klasse. Doch liess er die Umgebung seine Überlegenheit auch spüren. Sein Intellekt war so scharf wie kalt, er wirkte so brillant wie berechnend. Und was er sagte, das galt. «Viele Leute wagten nicht mir zu widersprechen», meint Vital Hauser in einem unserer drei langen Gespräche.
Zunächst studierte er nicht Medizin, sondern Verhaltensforschung und Zoologie. 1977 reiste er erstmals auf die Galapagosinseln, um das Leben des Conolophus subcristatus zu erforschen, des Landleguans, der seine Eier im warmen Vulkanstein der Insel ausbrüten lässt. 27 weitere Male war er seither dort, weniger als Forscher, sondern vor allem als Reiseleiter von Arcatour. Er kennt Galapagos besser als das Glarnerland. Reisen war seine Passion, und es existiert kaum noch ein irgendwie erreichbares Eiland, auf das er seinen Fuss nicht gesetzt hätte. Am liebsten dorthin, wo sonst niemand war, nach Südgeorgien und in die Antarktis, nach Neukaledonien und nach Spitzbergen.
Zwischendurch kaufte und renovierte er eigenhändig alte Häuser im Glauben, er müsse das alles beherrschen, wenn er dereinst in einen entlegenen kanadischen Winkel auswandern wolle.

Drang nach Unabhängigkeit
Mit ein Grund, warum er 1982 ein zweites Studium als Mediziner begann, war Vital Hausers starker Drang nach maximaler Unabhängigkeit. «Ich wollte nie von anderen Ärzten abhängig sein», sagt er heute. Dabei wurde rasch klar, dass ihn nur das Komplizierteste reizte, was der menschliche Körper zu bieten hat: das Gehirn. Vital Hauser wollte Neurologe werden und fortan diese Mikrowelt erforschen.
Auch als er bereits Neurologe war, leitete der gelernte Zoologe Hauser jeweils mehrere interkontinentale Exkursionen pro Jahr. Im Februar 2001 stand eine Tigersafari nach Indien und Nepal auf dem Programm, nicht die Intensivstation des Kantonsspitals Aarau.
Eine seiner letzten Reisen vor dem Unfall führte Dr. Hauser im Mai 2000 nach San Diego, an den Jahreskongress der amerikanischen Neurologen, wo auch Professor John Norris, eine Weltkapazität, über Dissektion bei Arterien referierte. Nie hätte Dr. Hauser damals geahnt, dass er Professor Norris schon bald um ärztlichen Rat in eigener Sache werde bitten müssen. Denn eines hatte Vital Hauser nie gehabt: Angst vor Krankheit oder gar vor einer Behinderung.
Am 24. Januar 2001 wird der Hirninfarktpatient Dr. Hauser im Spitalauto nach Valens verlegt, in die Rehabilitationsklinik, deren stellvertretender Chefarzt er weiterhin ist – formell. Begrüsst wird er von jenem Assistenzarzt, den er vor einigen Wochen noch in Neurologie unterrichtet hatte. Mehr als leicht nicken oder den Kopf schütteln kann er nicht auf die Fragen des Kollegen. Es ist der erste von 287 endlosen Tagen in Valens und für Vital Hauser der bislang schlimmste seit dem Infarkt. Immer wieder denkt er an «Schmetterling und Taucherglocke», die Memoiren des französischen Journalisten Jean-Dominique Bauby, die dieser nach einem schweren Hirninfarkt mit dem Auf- und Zuklappen seines linken Augenlids diktiert hatte. Denn mehr als sein Auge konnte er seither nicht mehr bewegen. Genau so fühlt sich auch Vital Hauser: als intakter Geist, gefangen in einem fast toten Körper.
Einen Monat nach seiner Einlieferung in Valens kommt die telefonische Nachricht von der Geburt seines zweiten Sohnes. Mit dem linken Zeigefinger muss der Vater auf einer Tabelle Buchstabe um Buchstabe antippen, was er sich als Namen für das Kind wünscht: J-U-L-I-A-N.

Der Patient hofft, der Neurologe weiss
Die ersten Laute ringt sich Dr. Hauser am Ende des dritten Monats in Valens von seinen Lippen ab. Die ganze rechte Körperhälfte ist weiterhin gelähmt, doch das linke Bein und die linke Hand vermag er wieder zaghaft zu bewegen. Er lernt, seinen Rollstuhl mit dem Wippen des linken Fusses durch die Gänge der Klinik zu bewegen, und begegnet Mitpatienten, deren Arzt er eben noch war. «Es kommt wieder gut, Herr Doktor», reden sie ihm zu, und es tut ihm wohl. Während der ersten Monate in Valens ist er «hundertprozentig» überzeugt, er werde am Schluss wieder der Alte sein. Der Vitale. Doch oft genug bekämpfen sich zwei Stimmen in Vital Hausers Kopf, die des Patienten und die des Neurologen. Erstere flüstert ihm Hoffnung ein, letztere argumentiert sie wieder klein. Der Neurologe weiss, dass die grössten Fortschritte innerhalb der ersten drei Monate erfolgen. Und was sich nach zwölf Monaten nicht regeneriert hat, wird dies erfahrungsgemäss auch später kaum mehr tun.
Der Neurologe in ihm weiss genau, wie es um ihn steht. Zusammen mit seinen Kollegen und Chefarzt in Valens, Professor Jürg Kesselring, schaut sich Dr. Hauser immer wieder die Magnetresonanz-Bilder (MRI) seines Gehirns an. Deutlich sichtbar für die beiden Neurologen: das schwarze Loch, 1,5 mal 1,5 Zentimeter gross. Hier war einmal der Pons, jener Hirnteil, der zum Beispiel die Bahnen von Sensibilität und Motorik des Körpers bündelt. 8 der 1400 Milliliter Hirnmasse von Dr. Hauser sind tot, wie sich auf dem MRI zeigt, läppische, fatale 8 Millimeter, zerstört vom Blutgerinnsel, das aus der lädierten Arterie ins Hirn geschwemmt wurde.
Mit jedem weiteren Monat in Valens, in dem er trotz Intensivtherapie nicht viel weiter kommt, tönen die Aufmunterungen der Berufskollegen hohler in seinen Ohren. «Das war doch alles Blabla», erinnert sich Dr. Hauser. Die Ärzte könnten sich einfach nicht in Patienten fühlen. Er selber, sagt er heute, habe seinen Patienten zumindest nie falsche Hoffnungen vorgesäuselt, auch dann nicht, wenn es ums Sterben ging.
Was Dr. Hauser hat, kommt gemäss neurologischer Fachliteratur statistisch unter 100 000 Menschen weniger als einmal pro Jahr vor. Und wenn, dann überlebt es ein Betroffener nur alle fünf bis zwanzig Jahre. Auf 1000 Schleudertraumata, so hat Dr. Hauser aus der Fachliteratur eruiert, gibt es statistisch 0,3- bis 1-mal einen Fall wie seinen. In seinen elf Jahren Praxis als Neurologe hatte Dr. Hauser noch nie exakt die gleiche Verletzung gesehen. Was er aber aus der Forschung weiss, auch dies ein statistisch gesicherter Wert: Neun von zehn Patienten mit einer derartigen Verletzung der hinteren Halswirbelarterie sterben sofort. Das ausgerechnet er der zehnte sein muss, dass ihn der Zufall zum Überleben verdammt hat, treibt ihn oft genug in die Verzweiflung. «Was will das Schicksal mit mir? Schon hundert mal habe ich mich gefragt, wo der Sinn eines solchen Lebens liegt.» Antworten hat er bis jetzt nicht gefunden. Er erkennt nichts als eine unendlich bittere Ironie in seinem Schicksal. «Es hat ihn im Leben von weit oben nach weit unten verschlagen», hörte er in Valens zufällig einen der Ärzte über ihn sagen.

«Fang mich doch!»
Hoffnung, sagt Vital Hauser, gäben ihm einzig noch seine beiden Kinder. Doch wie könne er die erziehen, wenn sich der Sechsjährige provozierend drei Meter vor ihn hinstelle und rufe: «Fang mich doch!»? Oder wenn er beim Spielen sage, der Papi solle sich doch nicht so blöd anstellen.
Vielleicht geht sein Leben nur deshalb weiter, weil er bislang nicht die Kraft hatte, ihm ein Ende zu setzen. «Es braucht Mut, sich umzubringen», sagt Dr. Hauser. Die Frage nach der Zukunft treibt ihm die Tränen in die Augen, er ringt schwer um seine Fassung. Die Tränen seien typisch gewesen für seine «Affektinkontinenz», erklärt er später. «Ich kann meine Emotionen nicht mehr kontrollieren.» Früher sei ihm das nie passiert, sowenig er bei der erstbesten sentimentale Stelle in einem Film habe weinen müssen. «Ich hatte mich unter Kontrolle.» Mit psychischen Ursachen, ist Dr. Hauser überzeugt, habe dies alles nichts zu tun, sondern einzig mit seinem schwarzen Loch im Hirn, mit neurologischen Defekten.
Ein Ziel allerdings hat Dr. Hauser klarer als alles andere vor Augen: Er will, dass die Versicherung anerkennt, dass sein Hirninfarkt ursächlich vom Autounfall stammt; dass also das Schleudertrauma die Blutung in der hinteren Halswirbelarterie bewirkt hat. Akzeptiert das die Versicherung, kostet sie das Millionen. Doch ums Geld, beteuert Dr. Hauser immer wieder, gehe es ihm nicht. Vielmehr fühlt er sich als Arzt und Patient herausgefordert, der sich nicht mit ein paar Pseudoargumenten von der Versicherung beiseite schieben lässt.

«Die Schleudertrauma-Industrie»
In der Schweiz gibt es pro Jahr rund 6000 Unfälle mit Schleudertraumata, die Hälfte davon auf der Strasse. 90 Prozent der Verunfallten sind nach ein paar Wochen wieder gesund, die Beurteilung der übrigen Fälle zählt hingegen zu den erbittertsten Kampfzonen im gesamten Gesundheitswesen. Patienten streiten mit Versicherungen, dazwischen stehen Gutachter, Geschädigtenanwälte und die Gerichte. Fast immer geht es um sehr viel Geld. Gemäss Schweizerischem Versicherungsverband zahlen die Haftpflichtversicherungen in einem Schleudertrauma-Fall durchschnittlich eine halbe Million Franken Entschädigung. Die jährlichen Kosten dafür schätzt der Verband auf insgesamt 500 Millionen Franken.
Der klassische Krach nach einem Schleudertrauma: Ein Patient klagt über Schmerzen seit dem Unfall, doch der Arzt kann kaum oder keine Schäden an Nerven, Muskeln oder Knochen feststellen. Trotzdem sind die Schmerzen da. Oder Depressionen. Muss die Versicherung nun zahlen oder nicht? Und welches Arbeitspensum ist dem Patienten zuzumuten?
In den letzten Jahren haben sich Versicherungen und Patienten (samt Anwälten und Schleudertrauma-Verband) darob so gründlich ineinander verbissen, dass manch einer ein (zweites) Trauma davontrug. Erstere behaupteten, es gäbe zu viele Simulanten und eine ganze «Schleudertrauma-Industrie», die davon profitiere. Letztere entgegneten, die geldgierigen Versicherer verharmlosten die Leiden der Patienten. Mittlerweile versuchen sich beide Seiten besser standardisierten Verfahren anzunähern, doch noch immer dauern die Schleudertrauma-Prozesse Jahre, und eine entscheidende Rolle spielen dabei weiterhin die medizinischen Gutachter. Ärzte wie Dr. Hauser.
Vor seinem Unfall war Dr. Hauser von den rund 40 neurologischen Gutachtern in der Schweiz vermutlich der Gefragteste. Etwa ein Fünftel der jährlich gut 400 Schleudertrauma-Expertisen stammte von ihm. Weil er diese aber mehrheitlich im Auftrag von Versicherungen machte, galt Dr. Hauser bei etlichen der Geschädigtenanwälte bald einmal als «Hardliner».
Auch Dr. Hauser weiss natürlich, dass er für manche Geschädigtenanwälte ein «rotes Tuch» ist; einer, der in seinen Gutachten mehr auf Seiten der Versicherung als der Patienten stehe. Einzelne Anwälte lehnten in gar als Experten ab und hielten ihm unverblümt vor, er lasse sich von den Versicherungen kaufen, denn nur wer versicherungsfreundlich gutachte, der kriege so viele - und lukrative – Aufträge wie Dr. Hauser. (Immerhin kostet eine Expertise zwischen 2000 und 5000 Franken.) Andere Anwälte wiederum glauben, wenn jemand – wie Dr. Hauser – selber drei Schleudertraumata überstanden habe, dann sei er nicht mehr unvoreingenommen und neige dazu, andere Traumapatienten als Simulanten abzutun.

«Es wird viel beschissen»
Dr. Hauser hielt diese Vorwürfe immer für «Blödsinn». Er selber taxiert seine Arbeit schlicht als «ziemlich nüchtern», und nüchtern hält er auch heute fest, alle wollten hier zu ihrem Geld kommen, nicht nur die Ärzte, auch die Patienten und die Anwälte (mit ihren von der herausgeholten Schadensumme abhängigen Honoraren), aber ebenso die Versicherungen. «Die Medizin«, meint Dr. Hauser, «ist nun mal ein Dreckgeschäft.»
Doch ob Hardliner oder nicht, er bleibt bei seiner Meinung, dass «viel Hysterie im Spiel ist und viel beschissen wird». Sein eigenes Schicksal, meint er, habe ihn jedenfalls nicht milder gestimmt in seinem Urteil, da bleibt er der mitleidlose Analytiker, dem auch egal ist, wenn er damit gleich wieder mitten im Minenfeld der gegenseitigen Vorwürfe sitzt.
Den Punkt, von dem an er sich nur noch als Patient fühlt in Valens, kann der stellvertretende Chefarzt Dr. Hauser exakt benennen. Es ist jener Morgen, an dem man ihm die 20 Franken Depot für den Personalbadge der Klinik zurückerstattet. Er fasst es als Kündigung auf.
Noch von Valens aus bewirbt sich Dr. Hauser im Oktober 2001 um die Stelle als Kantonsarzt in Glarus – und erhält eine Absage, weil er nicht verständlich genug spreche. Er kann das akzeptieren. Tatsächlich redet er undeutlich und leise und schleppend, obwohl etwas besser als im Herbst 2001. So bewirbt er sich als Aktengutachter, denn hier käme ihm seine Sprachbehinderung nicht in die Quere. Dr. Hauser verschickt gegen 20 Anfragen - an die Suva, an Versicherungen (ausser seiner alten), an diverse kantonale IV-Stellen, ja selbst an seinen alten Arbeitgeber in Valens. Lauter Absagen, falls überhaupt eine Antwort kommt.
Mittlerweile kann er pro Monat ein, zwei Aktengutachten machen. Doch das reicht ihm nicht. Auch wenn sein Hirn nicht mehr ganz so schnell funktioniert wie früher, will er mehr arbeiten, am besten 50 Prozent. «Doch die IV zahlt anscheinend lieber eine volle Rente, als dass sie an meiner beruflichen Wiedereingliederung interessiert wäre», stellt Dr. Hauser bitter fest.
Was ihn aber am meisten knickt, ist das Gefühl, man halte ich für einen Idioten. «Viele Leute glauben, wer so langsam redet, der denkt auch langsam, also ist er <en Tubel>. Aber das ist überhaupt nicht so. Nur wenige wissen, dass der Kopf im Wesentlichen noch der gleiche ist.»
Doch was will Dr. Hauser schon mühselig jenem Teenager erklären, der ihm im Restaurant die Zunge herausstreckt wie einem Debilen? Soll er ihm einen Vortrag halten über die Problematik der Latenz bei Vertebral-und extra-craniellen Carotisdissektionen? Er weiss, dass keiner die Geduld zum Zuhören hätte, bis er damit fertig wäre. Er, dem früher keiner widersprach, der alles und alle im Griff hatte, er glaubt heute «dass sich keiner mehr dafür interessiert, was ich denke. Die Leute machen einfach was sie wollen.» Die Welt um ihn herum erlebt Vital Hauser nur noch als eine, die auf ihn, der im Rollstuhl sitzt, hinunterschaut.
Nach 287 Tagen in Valens besucht Vital Hauser erstmals wieder die Wohnung seiner Partnerin und seiner zwei Buben. Eigentlich wollte er, der Weltreisende, nie ins enge Glarnerland zurück, jetzt muss er dankbar sein, dass er hierher darf. Und nicht in ein Pflegeheim muss. Sein kleines Glück ist, dass wenigsten das Geld kein Problem für ihn ist. Vorderhand zahlen die IV und seine Pensionskasse Beiträge an seinen Unterhalt, ihm selber gehört eine Reihe von Liegenschaften.

22 Minuten für knapp 300 Meter
Im Juli 2002 zieht er mit seiner Familie in ein neues, grosszügiges, rollstuhlgängiges Haus. Er kann sich einen Lift leisten, auch wenn die IV dessen Finanzierung ablehnt.
Ausser zu seinen drei Physiotherapiestunden verlässt er das Haus kaum. Die meisten Lokale sind unerreichbar für ihn, auch weil die Toiletten, auf die er jetzt oft muss, nicht rollstuhlgängig sind. Mittlerweile braucht Vital Hauser drei Minuten, um sein Wohnzimmer einmal zu umrunden. Die 22 Minuten für die knapp 300 Meter von seinem Haus zur nächsten Strasse sind wie eine Bergtour für seine verkümmerten Muskeln. Sein Gleichgewichtssinn ist weg, dank seiner Gehilfe kann er mittlerweile aufstehen und alle drei Sekunden ein Schrittchen unter Aufsicht der Spitex-Schwester tun. Nichts wünscht sich Vital Hauser mehr, als wieder ohne Hilfe zu laufen.
Ende März 2003 versucht er die Fahrprüfung zu machen. Aussichtslos. Die gestörte Feinmotorik der linken Hand verhindert jedes kontrollierte Lenken. Seine Bewegungen überschiessen, im Fachjargon Ataxie genannt, weshalb er weder ein Salatblatt zerschneiden kann, geschweige denn ein Steuerrad präzise lenken. Selbst die Bartrasur ist eine sehr heikle Sache für ihn, denn wegen der blutverdünnenden Medikamente kann jedes versehentliche Schnittchen fatale Folgen haben. Der Mann, dem nichts wichtiger war als Mobilität und Unabhängigkeit, sitzt nun Tag für Tag im Rollstuhl und kann nicht ohne Hilfe auf eine normale Toilette. So verbringt Vital Hauser den Grossteil seines Tages im Büro, das vollgestopft ist mit medizinischer Fachliteratur und Erinnerungen von fernen Inseln. Neben seinem Pult liegen der Schädel eines Königpinguins und der halbmetrige Wirbel eines Blauwals, ein Souvenir von den Falklandinseln. Wichtiger als all seine Bücher und Tiere ist seine Maus. Sie öffnet ihm den Weg ins Internet, der ihm sonst verwehrt bliebe, weil er nicht zwei Tasten aufs Mal drücken kann. Tippen kann er einzig mit dem linken Zeigefinger, eine Seite in vierzig Minuten. (Seine Handschrift sieht aus, als hätte er Parkinson.)
Dr. Hauser kämpft sich – quasi als Gutachter seiner selbst – durch die neurologische Fachliteratur, sucht weltweit das wenige zusammen, was über vertebrale Dissektion als Folge von Schleudertraumata publiziert worden ist. Und er engagiert als juristischen Beistand jenen Mann, den er für den besten Geschädigtenanwalt in Schleudertrauma-Fällen hält (den Zürcher Atilay Ileri).
Dr. Hauser schickt seine von ihm selber kommentierte Krankengeschichte an drei Neurologieprofessoren und vier weitere Fachärzte. Professor Marco Mumenthaler, Doyen der Schweizer Neurologenzunft, schreibt ihm zurück, dass die Dissektion der Vertebralarterie mit «überwiegender Wahrscheinlichkeit» vom Auffahrunfall stamme. Dem stimmen – unabhängig davon – auch die anderen angefragten Neurologen zu. Sie hegen so gut wie keine Zweifel an der Kausalität.
Doch die Versicherung des VW-Fahrers lässt sich nicht von ihrem früheren Fachmann überzeugen. Mit anderen Spezialisten zweifelt sie nun an, was immer sie kann, und wie das geht, weiss Dr. Hauser nur zu gut. So erklärt sie etwa die angefragten Neurologen für befangen, weil sie mehrheitlich ehemalige Arbeitskollegen von Dr. Hauser seien. Und war Delta v, die Beschleunigung beim Aufprall, wirklich 15 km/h? Kann das Dr. Hauser beweisen? Kann man ausschliessen, dass die Dissektion nicht eine Spätfolge der früheren drei Traumata ist? Oder hat der Berner Rheumatologe doch selber und zu heftig an Dr. Hausers Nacken manipuliert? Es könnte ja auch sein, dass die Blutung in der Arterienwand ganz einfach spontan erfolgte, also ohne Schlag von aussen. Und schliesslich, behauptet die Versicherung, seien die vier Monate zwischen Unfall und Infarkt zu lang, damit eine Kausalität wirklich gegeben sei.
Wieder und wieder antwortet Dr. Hauser, versucht die Einwände mit neuen Belegen aus der Forschung zu entkräften. Seit zwei Jahren dauert nun dieser Schriftverkehr an, bislang ergebnislos. Einen ersten Vergleichsvorschlag hat Dr. Hauser abgelehnt, weil die Versicherung nur zahlen, damit nicht aber die Kausalität akzeptieren wollte (was sehr viel teurer, weil präjudizierend wäre). Neue Expertisen sollen nun gemacht werden, wie lange der Gutachterkrieg geführt wird, ist offen.
Zwei Jahre nach dem Unfall schreibt Dr. Hauser dem Fahrer des VW Passat, von dem er nichts mehr gehört hat seit dessen Satz, keine Angst, er habe eine gute Versicherung. «Können Sie sich vorstellen, wie brutal das Leben im Rollstuhl ist, mit einer stark gestörten Stimme? (...) Sie haben mein Leben und meine Familie zerstört. (...) Wäre ich Fussgänger gewesen, wäre ich bei Ihrem Tempo wohl gestorben, was für mich bedeutend einfacher gewesen wäre. Ob es in oder ausserhalb dieser Welt Gerechtigkeit gibt, weiss ich nicht, ich kann es nur hoffen.»
Antwort erhält er keine.
Noch ist unklar, ob aus dem Unfall des Dr. Hauser auch ein Gerichtsfall wird. Eine Klage hat er vorderhand nicht eingereicht. So oder so hat Vital Hauser aber bereits einen Brief für seinen Anwalt vorbereitet, wie immer mit dem linken Zeigefinger in den Computer getippt. Darin schreibt er: «Wenn die Versicherung einige Millionen zahlt (obwohl sie eigentlich den ganzen Schaden zahlen müsste), habe wir finanziell zwar etwas erreicht, sachlich aber wenig. (...) Mein Leben ist weitgehend futsch. Der Chefjurist der Versicherung soll sich vorstellen, dass mein sechsjähriger Sohn auf die Frage nach seiner Zukunft sagt:<Dann bestellen wir uns einen neuen Papa.>»


Martin Beglinger
aus: Weltwoche Nr.23.03

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