Wie Schrei-Babys geholfen werden kann
Hände, die verstehen
Was brauchen Eltern, deren Baby häufig aus unerklärlichen Gründen schier endlos schreit?
Gute Nerven, viel Geduld - oder die Hilfe eines Babyflüsterers.


Ein erfahrener Babyflüsterer ist Friedrich Wolf (50), Therapie-Lehrer an der internationalen Schule für biodynamische Craniosacral-Therapie in Kiental, Berner Oberland. Er weiss nicht mehr, wie viele Kinder er schon behandelt hat; aber sie würden wohl mehr als einen Kindergarten füllen. Wolf, schlank und hoch gewachsen, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Pferdeflüsterer Robert Redford. Er wird im Mai am internationalen Kongress für Embryologie, Therapie und Gesellschaft in Nijmegen (Holland) vor mehreren hundert Experten über seine Erfahrungen referieren. Als ich ihn zum ersten Mal sah, stand er vorne in einem kleinen Saal in Bern vor knapp einem Dutzend Hebammen und sagte: «Kein Kind schreit einfach so, ohne Grund!» Eine der jungen Frauen fragte. «Was machen Sie denn, wenn es schreit und schreit und schreit?»
Wolf schaute sie an, zuckte mit den Achseln und sagte: «Ich setze mich hin und gebe dem Baby von innen heraus einen Raum, in dem sein Schreien Platz hat. Ich kann zwar verstehen, dass das ständige Schreien eines Kindes die Eltern zur Verzweiflung treiben kann, aber ich weiss, dass das Kind mit dem Schreien auf eine schmerzliche Erfahrung aufmerksam machen will.»
Schon die Aufmerksamkeit für s Bedürfnis des Kindes habe eine beruhigende, eine heilende Wirkung, betont er. Mir geht es nicht darum, dieses unverständliche und störende Schreien so schnell wie möglich abzustellen, sondern ich möchte erfahren, was das Kind ausdrücken will. Ich möchte es verstehen.»

Der Therapeut wartet geduldig auf den richtigen Augenblick, um das Köpfchen des Kindes mit beiden Händen ganz sachte zu berühren. Seine Fingerspitzen nehmen die Bewegungen der einzelnen Knochenteile des Schädels wahr. Es sind ganz feine Bewegungen im Bereich von einem Zehntelmillimeter bis zu einem Millimeter.
Bewegung der Schädelknochen? Für mich als Laien war das ganz neu. Dieses Phänomen. erfuhr ich, ist schon vor hundert Jahren vom amerikanischen Arzt William G. Sutherland entdeckt worden. Er ist der Begründer der Craniosacral-Therapie (der Schädel heisst auf Lateinisch cranium und das Kreuzbein sacrum).

Kinderarzt und Therapeut Rudolf Merkel, der in Zürich eine Schule für Craniosacrale Osteopathie leitet, sieht in dieser Therapie nicht den einzigen, aber wesentlichen Beitrag zur Betreuung von Schreibabys. «Für Eltern sollen weiterhin Kinderarzt und Mütterberatung die erste Anlaufstelle sein», sagt Merkel. «Diese wiederum brauchen ein Netzwerk von qualifizierten Therapeuten, zu denen auch die Craniosacral-Therapie gehört.»

Merkel hat in einem Buchbeitrag (Thomas Harms, Hrsg.: «Auf die Welt gekommen», Leutert Verlag, Berlin, 2000) den Vorgang so beschrieben, dass auch ich es begriff. Wenn Eltern zu ihm in die Sprechstunde kommen. gibt er ihnen meist folgende Beschreibung: «Das zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark, ist ein Organ wie Herz und Lunge. Das heisst, ebenso wie Herz wie Lunge sich bewegen, bewegt sich auch das Organ Gehirn. Es bewegt sich allerdings viel langsamer und subtiler ... Die Flexibilität der Schädelknochen ist für ein gutes Funktionieren von Gehirn und Rückenmark sehr wichtig. Die Therapie ist aber nicht eine Arbeit am Nervensystem, sondern eine Arbeit an dem Haus, in dem das Nervensystem wohnt.»
Für mich war es schon eine Überraschung zu erfahren, dass mein Schädel nicht ein fest verleimtes Gefäss ist, sondern dass die Teile sich rhythmisch bewegen. Aber wie ein Therapeut eine Abweichung um einen Zehntelmillimeter wahrnehmen kann war mir ein Rätsel. Ich fragte ihn. «Viel Übung», antwortete Wolf lakonisch. Und fügte hinzu: «Die Ausbildung der Craniosacral-Therapeuten ist sehr intensiv und wirkt sich auch auf die persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler positiv aus. Offenheit gegenüber dem Bedürfnis des anderen, Aufmerksamkeit und Präzision sind nur drei von vielen Eigenschaften, die während der Ausbildung entwickelt und verstärkt werden.»

Wolf stand vor den Berner Hebammen, um ihnen zu erklären, weshalb es seiner Meinung nach gut wäre, jede Hebamme in Craniosacral-Therapie auszubilden: «Zwei, drei Behandlungen nach der Geburt könnte eine Reihe von gesundheitlichen Problemen verhindern.»

Martin Speich

Weitere Infos:
Internationale Schule für biodynamische Craniosacral-Therapie,
3723 Kiental, Telefon 033/676 2676
www.kientalerhof.ch

Schule für Craniosacrale Osteopathie
Rudolf Merkel, Telefon 052/366 2724
www.cranioschule.ch

aus SonntagsBlick 10. März 2002


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